Nachhaltigkeit im Zoobetrieb
Beratung für Tierparks, Wildgehege, zoologische Einrichtungen


PD Dr. Udo Gansloßer, Evelyn Kuhn und Team
EAZA 2011
Neue EAZA Naturschutzkampagne für Südostasien
EAZA Jahrestagung vom 20. bis 24.09.2011 in Montpellier
Die alljährliche Jahrestagung der Europäischen Zoo- und Aquarien-Assoziation EAZA fand dieses Jahr in Montpellier in Südfrankreich statt. Ca. 600 Delegierte aus dem gesamten Bereich der EAZA (mit Teilnehmern und Gästen aus dem Nahen Osten, aus Ländern der früheren Sowjetunion, aus den USA, Australien und der südamerikanischen Zooassoziation) erlebten eine Reihe von sehr bemerkenswerten Vorträgen.

Ein Schwerpunkt der Tagung lag auf der Naturschutzproblematik in Süd- und Südostasien. Der verstärkte Schutz bedrohter Arten in dieser Region, seien es Säugetiere oder Reptilien als besonders bedrohte Taxa, wurde nicht nur durch die Eröffnung der diesjährigen EAZA Naturschutzkampagne mit Ziel Südostasien dokumentiert, sondern auch beispielsweise durch einen Plenarvortrag von Dr. E. Bennett, der Vizepräsidentin für internationalen Naturschutz der früheren New York Zoological Society heute World Conservation Society WCS. Hierbei wurde klar, dass der Niedergang der Tierarten im Asiatischen Bereich keineswegs nur auf Großtiere beschränkt wird. So ist beispielsweise in der Mongolei (zugegebenermaßen kein südasiatisches aber sehr wohl aber ein asiatisches Land) der Bestand an Murmeltieren von 1990 bis 2005 um 75% eingebrochen. Man geht heute auch davon aus, dass es weltweit nur noch etwa 3200 Tiger im Wildleben gibt, davon nur noch ca. 1000 zuchtfähige Weibchen. 70 % aller Tiger leben in ca. 6% des heute noch dafür vorhandenen Lebensraums. Diese Zahlen, ähnliche Zahlen gibt es übrigens beispielsweise für die asiatischen Nashörner, zeigen, dass die Vernichtung der Tierarten in dieser Region nicht primär der Lebensraumverlust ist. Vielmehr wird durch konsequente Bejagung die Individuenzahl immer stärker reduziert. Liz Benett betonte auch, dass der Impuls für den Handeln mit Wildtierprodukten und die illegale Jagd nicht durch Armut sondern durch Reichtum hervorgerufen wurde. Die bedrohten Arten werden nur selten durch die sogenannte Substituentjagd, also durch die Jagd für den Kochtopf der ortsansässigen Bevölkerung dezimiert. Dementsprechend sind einige Voraussetzungen für den erfolgreichen Abschluss von Naturschutzprojekten identifizierbar. Nur Langzeitprojekte vor Ort, die mit guter Beziehung zu örtlichen Bevölkerung und der Aufklärung über die Naturschutzproblematik gekoppelt sind, können erfolgreich sein. Wissen über die Anforderungen vor Ort sowie die Bedürfnisse der ortsansässigen Bevölkerung müssen in die Programme integriert werden. All das muss jedoch auf solider wissenschaftlicher Basis erfolgen. Dazu müssen Gesetzte erlassen beziehungsweise abgeändert werden, die sich nicht nur auf Naturschutz, Antiwilderei oder ähnliche unmittelbar mit der illegalen Bejagung befasste Tätigkeiten beschränken, sondern beispielsweise auch das Problem des Geldwaschens und die Kontrolle internationalen Handels muss mit einbezogen werden. Multiple Partnerschaften in unterschiedlichsten Organisationen und Vereinigungen, mit deren unterschiedlichen Stärken und Fähigkeiten sind notwendig, und das Ganze muss auch transparent gemacht werden. Letztlich ist Forschung und die Entwicklung neuer Methoden im Management kleiner Populationen dringend erforderlich und hier können Zoos sehr wohl einen wichtigen Beitrag leisten.
Nicht nur im Zusammenhang mit der Südostasienkampagne, sondern generell im Zusammenhang der hier erwähnten Informations- und Wissensvermittlung sind einigen Aktivitäten im Adjudication-Komitee, also in dem für Zoopädagogik im weitesten Sinne verantwortlichen Komitee der EAZA von Bedeutung. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN hat wichtige Informations- und naturschutzpädagogische Ratschläge für die Arbeit in-situ, also im Lebensraum bedrohter Arten zusammengestellt. Diese mit der Abkürzung ESPA versehene Materialsammlung kann über die Website der IUCN herunter geladen werden. Die Naturschutzerziehungstrategie der EAZA ist ebenso wie ein Handbuch zur Naturschutzerziehung über die Website der EAZA, zum Teil über die geschützten Mitgliedsbereiche erhältlich.
Nachhaltiges Wirtschaften im Zoobetrieb
Ein zweiter Schwerpunkt der Tagung befasste sich einmal mehr mit dem Problem nachhaltigem Managements im Zoo selbst, also mit der Thematik Energieeinsparung, Müll- und Abfallminimierung, Energiekreisläufe etc., sei es durch Betriebs- und Alltagspraktiken, durch energiesparende Baumaßnahmen oder auch Personalmanagement oder andere organisatorische und bauliche Maßnahmen.
Eine Reihe von Projekten auch aus deutschen und deutschsprachigen Zoos wurden hier vorgestellt, bspw. die Energiesparmaßnahmen zur CO2-Reduktion im Zoo Münster oder die Ressourcen- und Energie-Managementmaßnahmen in der Gondwana Halle des Zoo Leipzig. Auch die Problematik der nachhaltigen Produktion von Nahrungs- und Futtermitteln für die Zootiere sowie die Entsorgung von Dung und organischen Abfällen wurden in eigenen Vorträgen diskutiert. Als besonders wichtig wurde identifiziert, dass die Belegschaft in ihrer gesamten Breite die Notwendigkeit nachhaltigen Wirtschaftens versteht und auch die notwendigen Anleitungen für die Umsetzung erhält. Dafür ist in jedem Zoo nach Möglichkeit ein sogenanntes grünes Team zu etablieren, also eine belegschaftsinterne freiwillige Beratertruppe, die sich um die speziellen Probleme der nachhaltigen Wirtschaft in den einzelnen Funktionsbereichen kümmern und dafür Verbesserungsvorschläge entwickeln kann.
Lockerung der Veterinärvorschriften bei Grenzübertritt in Sicht
Der dritte Schwerpunkt befasst sich mit zukünftig besseren Strategien in Management und Zucht der bedrohten Arten im Zoo selbst. Auch hier gibt es eine Reihe von Sammlungen dafür geeigneter Handreichungen, etwa die in der IUCN erstellen Handreichungen zum Management von Exitu-Populationen, oder die ursprünglich für den Amphibienschutz entwickelten Zusammenstellung des sogenannte Conserevation-Assesment-Tool CET.
In mehreren Vorträgen wurden die Überschneidungsbereiche zwischen dem Schutz der natürlichen Vielfalt im bedrohten Lebensraum, dem Management von Zoopopulationen, dem Management anderer von Menschen beeinflusster Populationen im Bereich von Wildtieren, Haus- und Nutztieren sowie der Erziehungs- und Aufklärungspädagogikaufgabe dargelegt. Die Zoopopulation, die keineswegs alle nur für den Naturschutz zur Verfügung stehen, sondern bisweilen auch beispielsweise für edukative Zwecke gehalten werden, bewegen sich hier mit ihrer Problematik im Schnittpunkt der drei Großbereiche Biodiversitätserhaltung in-situ, Tiermanagement und Erziehung/Öffentlichkeitsarbeit.
Neben neuen und verbesserten Schritten in der internationalen Zusammenarbeit, sollen so eine Reihe von bedrohten Arten weltweit und nicht nur im Bereich regionaler Zooassoziationen gemanagte werden. Noch ein weiterer interessanter Beitrag ist hier zu vermerken: Der Vorsitzende des EAZA Veterenärkomitees, Jacque Kaandorp, vom Safari Park Beeksebergen in Holland, berichtete über derzeit existierende Kontakte und Absprachen zwischen der EAZA bzw. deren Veterinärkomitee, der Europäischen Assoziation der Zoo- und Wildtierveterinäre und den Veterinärbehörden der EU. Hier geht es darum, dass die derzeit sehr restriktiven Praktiken des Imports von Tieren aus nicht EU Ländern aus Quarantäne- und Seuchenvermeidungsgründen gelockert werden könnten. Jedoch ist das nur durch enge Kooperation der Zoogemeinschaft mit den Veterinärbehörden möglich, Ausnahmegenehmigungen und Lockerung der Quarantänevorschriften werden wohl in etwa 1–1,5 Jahren in einer formal festgeschriebenen Art und Weise für große, bspw. EAZA Mitgliedszoos ermöglicht werden. Jacque Kaandorp warnte jedoch dringend, für die Übergangszeit in jedem Falle die derzeit bestehenden Regelungen weiter strikt einzuhalten. Auch wenn diese, wie beispielsweise die sogenannte Balai-Richtlinie den Zoobetrieb weitgehend behindern und in bestimmten Bereichen nahezu lahmlegen. Für den „God will“ der EU-Behörden sei dringend ein weiteres Stillhalten der Zoos bis zur Änderung der offiziellen Vorschriften nötig. Nur dann könnten die großen Zoos z.B. der EAZA ihre Kompetenz und ihren Professionalismus auch glaubhaft vermitteln. Jacque Kaandorp meinte, wir hätten nun seit über 15 Jahren mit diesen Richtlinien gelebt, da würde es auf 1 bis 2 weitere Jahre sicherlich nicht mehr ankommen. Jedoch ist bereits die Tatsache, dass hier, zum zweiten Mal nach der Vogelgrippenproblematik die Zoos als Sondersituation von den Veterinärbehörden wahrgenommen werden und nicht automatisch unter die Restriktionen des für Landwirtschaftliche Nutz- und Heimtiere entwickelten Regulatoriums fallen, an sich schon ein bemerkenswerter Erfolg.
Die nächste EAZA Konferenz wird in Innsbruck in Österreich im September 2012 stattfinden. Der Alpenzoo Innsbruck wird dann der Gastgeber sein.
U. Gansloßer
Weitere Information, insbesondere zur Umsetzung und Anwendung der dort besprochenen Themen auf die individuelle Situation einzelner Zoos und Tierparks können gerne individuell erarbeitet und ausgeführt werden. (Der Autor)
